Wie unser Landesvorsitzender Sven von Ungern-Sternberg im Editorial zum neuen Heft angekündigt hat, endete mit diesem Heft die redaktionelle Gesamtverantwortung von Prof. Dr. Gerd Friedrich Hepp.
Er habe in den letzten drei Jahren dieses Amt mit großem Zeitaufwand, Fleiß, Ideenreichtum und Sachverstand ausgeübt – völlig ehrenamtlich, so von Ungern-Sternberg. Aus Altersgründen ziehe er sich nun aus dem zeitaufwändigen Geschäft als Redaktionsleiter zurück. Um die Arbeit dennoch auf hohem Niveau weiterführen zu können, werde Herr Michael Kohler, der bisher schon in die Redaktionsarbeit eingebunden war, das Amt übernehmen, allerdings nicht mehr ehrenamtlich, sondern gegen Vergütung. Als künftiger „Chefredakteur“ werde Herr Kohler ab Heft 1/2026 für die Redaktionsleitung insgesamt verantwortlich sein. Hepp werde aber weiterhin für den Vorstand in eingeschränktem Rahmen beratend tätig bleiben und sich für die Zeitschrift einbringen, so der Landesvorsitzende.

Klaus Ruch Vom Versuch eine Brezel gerade zu biegen. Eine Kindheit und Jugend im Schwarzwald, Gmeiner Verlag, 284 Seiten, ISBN 978-3-7801-2514-9, 20 €.

Klaus Ruch hat ein Porträt seiner 1930 geborenen Mutter Lieselotte verfasst. Lieselotte Kittler kam als Tochter des »Kittlerbecks« in Hausach im Kinzigtal zur Welt. Da sie ein »Vaterkind« ist, wird das Schicksal ihrer Mutter nur gestreift, sie war eine Magd, die der Vater heiratete, und bleib es auch während der Ehe. Auch wenn im Vorspann des Buches irritierend vermerkt ist, dass »Personen und Handlungen« frei erfunden wären, handelt es sich dennoch um eine Schilderung, in der nur ein NS-Parteigenosse und der Postbeamte mit Initialen genannt wird. Alle an deren Personen tragen ihren wahren Namen, so auch später der jähzornige Prälat Föhr, der Lieselotte in
Freiburg mehr als unliebsam auffällt.
Das Buch ist chronologisch aufgebaut und in 27 Kapiteln unterteilt, wobei ein Inhaltsverzeichnis fehlt. Diese Kapitel werden unter knappen Überschriften, wie »Das Haus«, »Pauline«, »Dorfleben« abgehandelt und mit Details aus dem kleinstädtischen Leben in Hausach versehen. Gesehen und gefiltert werden die Erlebnisse im Leben Lieselottes sind zwar individuell, aber lassen sich ebenfalls als exemplarische Episoden jener in den 1930er Jahren lesen. Die heile Kindheit bekommt bald Risse, in der die Auswirkungen der NS-Diktatur nach und nach spürbar werden. Bestimmte Gruppen wie die fahrenden Zirkusleute, (›Zigiener‹), die im Städtchen exotisches Flair auslösen oder Behinderte, die durch das Euthanasie-Programm T 4 abtransportiert und ermordet werden, fehlen im Stadtbild. Lieselotte wächst nach
ihrer Kommunionfeier in die Rolle einer familiären Hilfskraft, muss sogar bei säumigen Schuldnern der Bäckerei das Geld eintreiben, »die Kindheit erfährt einen Bruch.« »Der Krieg kommt näher« lautet eine Überschrift, in der Lieselottes Engagement im Bund deutscher Mädchen, in der »Mädelschaft« geschildert wird, aber auch zunehmende Angriffe von Jagdbombern auf die Kinzigtal-Bahnlinie und später dann auf das Städtchen Hausach. Es dauert nicht mehr lange, bis die Franzosen einmarschieren. Dabei kommt es auch in Hausach zu »Plünderungen und Vergewaltigungen«, Lieselotte hat »Scheu vor den Marokkanern«, kann jedoch zu einer jungen Französin, deren
Eltern in Hausach stationiert sind, eine Beziehung aufbauen.

Nach dem Krieg kann die junge Frau bei den Ursulinen in Freiburg eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren – und lernt ihren Mann Karlheinz kennen. Klaus Ruch kommt 1952 unehelich zur Welt – dieses Mal ist die Heimfahrt nach Hausach von Lieselottes Sorge überschattet, wie sie diese Mitteilung ihren im konservativen Umfeld lebenden Eltern beibringen könnte… Eine Brezel kann man nicht geradebiegen und einen Menschen, wie Lieselotte, ebenfalls nicht – Klaus Ruch belegt das mit der Schilderung seiner Mutter, die ihrem Weg mit Zuversicht folgte, der sie in Kindheit und Jugend formte.
Ein wahrlich authentisches und empathisch verfasstes Buch, das allerdings ein aufmerksameres Lektorat verdient hätte (Seite 66: Ein Zeilensprung. Seite 25: Ein Wasserschiff steht nicht auf dem Herd, sondern ist in den Herd seitlich eingebaut. Seite 155: Wiener Würstchen hat man im Kinzigtal wohl nicht gesagt, auch ist die Kunst nicht die Bank um den Kachelofen herum, sondern der Kachelofen selbst…).

Hubert Matt-Willmatt

Thomas Adam Joß Fritz – das verborgene Feuer der Revolution –Verlag regionalkultur,
382 Seiten, ISBN 978-3-95505-532-5 29,80 €

Über den um 1470 in Untergrombach bei Bruchsal geborenen Bauernsohn weiß man herzlich wenig, umso verdienstvoller ist es, dass sich Thomas Adam auf langjährige Spurensuche begeben hat, die 2002 zu einer ersten Veröffentlichung zum Thema führte und nun zur Herausgabe der vierten Auflage, die um 22 Seiten umfangreicher als die vorherige dritte Auflage angewachsen ist.

Zuerst untersucht Adam die Situation am Herkunftsort, der zum Hochstift Speyer gehörte, mit der Dreiteilung der Lehensleute, die an die unterschiedliche Verteilung von Grundbesitz gebunden war. In Untergrombach gab es 1740 nur eine Familie Fritz, sodass anzunehmen ist, dass Joß Fritz dieser Familie entstammt. Adam geht auch auf die immer wieder aufflammende Diskussion um den Namen des Bundschuhanführers ein und führt Joß als Vorname auf ›Jodocus‹ zurück, einen damals recht gebräuchlichen Namen. Doch bei der Frage warum und wann im Leben des Bauernsohns eine Radikalisierung erfolgte oder sich ein Schlüsselerlebnis dazu festmachen lässt, kann man auf keinerlei Angaben, am wenigsten von Joß Fritz selbst, zurückgreifen. Schon um 1460 tauchen aufständische Bewegungen unter dem Zeichen des Bundschuhs in Engen am Hegau oder 1493 in Schlettstadt auf. »Frei sein wie ein Schweizer« war Losung und Ziel zugleich. 1502 organisierte »Joß Fritz seinen ersten Bundschuhaufstand«. Über mehrere Monate war er unterwegs und knüpfte Verbindungen zu Gleichgesinnten, die wie ein Geheimbund, eine »Untergrundorganisation« funktionierten. Für den öffentlichen Auftritt, der sich 1502 mit der Bitte um Ermäßigung der Abgaben bot, sollte auch eine symbolhaltige Fahne angefertigt werden, mit dem aufgemalten Leitspruch ›Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes‹. Auf einer Schafweide bei Untergrombach trafen sich an Ostern 1502 40 entschlossene Anhänger, jedoch war ihr Vorhaben verraten worden – rund 100 Mitglieder des Bundschuhs wurden gehängt, enthauptet, ihnen wurden die Augen ausgestochen und Finger abgehackt. Joß Fritz konnte entkommen und sich fast zehn Jahre, und ohne ein offizielles Lebenszeichen zu hinterlassen, verstecken. In dieser Zeit verheiratet er sich mit Else Schmid aus Nenzingen bei Stockach, was nicht allzu weit von der Schweizer Grenze entfernt liegt und vielleicht einen Hinweis auf einen möglichen Aufenthaltsort geben mag. Beide gelangen um 1510 in den Breisgau. Dort setzen sie ihre Werbemaßnahmen für die Sache des Bundschuhs erfolgreich fort. Auf der Hartmatte, nördlich von Betzenhausen und Lehen gelegen, trafen sich um den 23. September 1513 einige Gleichgesinnte unter der neu angefertigten Bundschuhfahne, die eine Organisationsform beschlossen und einen Ort vereinbarten, an dem sie loszuschlagen gedachten. Als Ort der ersten Revolte hatte man den Kirchweihtag in Biengen ausgesucht. Jedoch wird auch dieser Versuch verraten – die Teilnehmer wiederum hart bestraft. Joß Fritz kann wiederum entkommen und trifft in Seewen, südlich von Basel ein, wo er sich im Oktober mit den wenigen verbliebenen Getreuen von Lehen nochmals trifft.
Ab diesem Zeitpunkt taucht der umtriebige Joß Fritz an unterschiedlichen Orten auf, überall entlang des Hochrheins flackern kleinere Aufstände auf, die im weit verzweigten und geographisch ausgedehnten Bundschuh-Netzwerk des Jahres 1517 gipfeln, das »die Historiker immer wieder vor ein Rätsel gestellt hat«, wie Adam meint. 1524 waren es die Bauern in Süddeutschland »vom Hegau über den Schwarzwald bis zum Breisgau, vom Bodenseeraum bis ins Allgäu«, die an das Vermächtnis von Joß Fritz anknüpften und ihre ›Artikel‹ aufstellten, deren Forderungen 1525 in den Auseinandersetzungen des Bauernkriegs mündeten. In Stühlingen soll Joß Fritz zum letzten Mal bei einem Bauernhaufen gesehen worden sein, doch sein dortiges Erscheinen kann realitätsgetreuer Überlieferung, aber auch hoffnungsfroher Projektion geschuldet sein.
So wie der Lebensanfang des Joß liegt auch sein Ende im Dunkeln. Dieser Umstand, vor allem aber sein unstetes revolutionäres Leben haben bis in die neuere Zeit Auswirkungen in der Literatur, Musik und darstellenden Kunst gezeitigt. Adams ausführliche Rezeptionsgeschichte zeigt die Verwendung der Bundschuhbewegung mit Joß Fritz in der NS-Zeit sowie in der DDR und BRD, dort gerade 1975 bei Anti AKW-Demonstrationen in Wyhl, die sich zudem im Jahr der 450. Wiederkehr des Bauernkriegs ereigneten. Lohnend wäre in diesem Zusammenhang sicherlich eine Untersuchung der Frage, inwieweit historische Symbole (Bundschuhfahne, Heckerhut…) im Laufe der Zeit eine Veränderung ihres ursprünglichen Sinngehalts erfahren.
Unerwähnt bleibt leider die beeindruckende Arbeit, die der ehemalige Stühlinger Rektor Elmar Zimmermann mit seinen beeindruckenden Bildern und Schriften zum Bauernkrieg angefertigt hat und die lesenswerte Abhandlung des Dadaisten Hugo Ball.
Zur praktischen Ergänzung der Lektüre empfiehlt sich in Freiburg-Lehen der Besuch des 3,4 km langen Bundschuhpfades mit 14 informativen Schautafeln und der Bundschuh-Eiche des Holzbildhauers Thomas Rees.

Hubert Matt-Willmatt

Eine kleine, aber feine Ausstellung lohnt den Besuch des Regierungspräsidiums Freiburg in der Kaiser-Joseph-Str. 167 („Basler Hof“): Dort zeigt das Landesamt für Denkmalpflege in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Ebringen bis zum 23. Januar 2026 Informationen und Fundstücke zum Thema „Ebringen 1825“. Diese Jahreszahl markiert den Beginn der archäologischen Formung in Südbaden; damals, vor 200 Jahren, hatte der Theologe und Historiker Heinrich Schreiber im Zuge einer ersten wissenschaftlichen Ausgrabung eines frühmittelalterlichen Gräberfeldes gut 100 Bestattungen erforscht und im Jahr 1826 dazu wissenschaftlich publiziert. Schreibers Ausgrabungen und die Publikation gelten als eine Geburtsstunde der archäologischen Denkmalpflege in Baden-Württemberg und als Meilensteine der archäologischen Forschung, was Prof. Dr. Claus Wolf, Präsident des Landesdenkmalamtes bei der Eröffnung würdigte. „Als Autodidakt hat Schreiber sie unter Berücksichtigung vieler bis heute gültige Kriterien durchgeführt und zeitnah publiziert. Damit hat er Maßstäbe gesetzt, die in vielen Bereichen der archäologischen Denkmalpflege bis heute Geltung haben“, so Wolf. In der Ausstellung sind Teile der Grabbeigaben und einer Nachgrabung im Jahr 1991 wie Waffen, Gürtelteile, Schmuck, eine sehr seltene Haarnadel sowie Halsketten aus Glas und Bernstein zu sehen, Bild- und Schrifttafeln liefern die notwendigen Begleitinformationen.

Außerdem erbrachte eine Sichtung und Bewertung von Schrifttum aus dem Nachlass von Heinrich Schreiber im Stadtarchiv Freiburg neue Ergebnisse zur Fund- und Forschungsgeschichte sowie zum Ablauf der Grabung 1825. Dies erfolgte im Rahmen einer studentischen Übung in den Jahren 2024 und 2025 am Institut für Ur- und Frühgeschichte, geleitet von Dr. Luisa Radohs, Dr. Andreas Haasis-Berner und Dr. Bertram Jenisch. Die Konzeption der Ausstellung erarbeiteten Dr. Christel Bücker und Dr. Michael Hoeper, Archäologiewerkstatt im Landesdenkmalamt.

Die Ausstellung ist bis zum 23. Januar 2026 von Montag bis Freitag zwischen 8.00 Uhr und 18.00 Uhr kostenfrei im Foyer des „Basler Hofes“, Kaiser-Joseph-Str. 167 in Freiburg, zu sehen. Eine Vortragsreihe und Führungen unter der Regie des „Alemannischen Institutes“ ergänzen das Angebot (siehe www.alemannisches-institut.de). Voraussichtlich ab März 2026 wird die Ausstellung in das Schloss Ebringen umziehen.