Klaus Ruch Vom Versuch eine Brezel gerade zu biegen. Eine Kindheit und Jugend im Schwarzwald, Gmeiner Verlag, 284 Seiten, ISBN 978-3-7801-2514-9, 20 €.

Klaus Ruch hat ein Porträt seiner 1930 geborenen Mutter Lieselotte verfasst. Lieselotte Kittler kam als Tochter des »Kittlerbecks« in Hausach im Kinzigtal zur Welt. Da sie ein »Vaterkind« ist, wird das Schicksal ihrer Mutter nur gestreift, sie war eine Magd, die der Vater heiratete, und bleib es auch während der Ehe. Auch wenn im Vorspann des Buches irritierend vermerkt ist, dass »Personen und Handlungen« frei erfunden wären, handelt es sich dennoch um eine Schilderung, in der nur ein NS-Parteigenosse und der Postbeamte mit Initialen genannt wird. Alle an deren Personen tragen ihren wahren Namen, so auch später der jähzornige Prälat Föhr, der Lieselotte in
Freiburg mehr als unliebsam auffällt.
Das Buch ist chronologisch aufgebaut und in 27 Kapiteln unterteilt, wobei ein Inhaltsverzeichnis fehlt. Diese Kapitel werden unter knappen Überschriften, wie »Das Haus«, »Pauline«, »Dorfleben« abgehandelt und mit Details aus dem kleinstädtischen Leben in Hausach versehen. Gesehen und gefiltert werden die Erlebnisse im Leben Lieselottes sind zwar individuell, aber lassen sich ebenfalls als exemplarische Episoden jener in den 1930er Jahren lesen. Die heile Kindheit bekommt bald Risse, in der die Auswirkungen der NS-Diktatur nach und nach spürbar werden. Bestimmte Gruppen wie die fahrenden Zirkusleute, (›Zigiener‹), die im Städtchen exotisches Flair auslösen oder Behinderte, die durch das Euthanasie-Programm T 4 abtransportiert und ermordet werden, fehlen im Stadtbild. Lieselotte wächst nach
ihrer Kommunionfeier in die Rolle einer familiären Hilfskraft, muss sogar bei säumigen Schuldnern der Bäckerei das Geld eintreiben, »die Kindheit erfährt einen Bruch.« »Der Krieg kommt näher« lautet eine Überschrift, in der Lieselottes Engagement im Bund deutscher Mädchen, in der »Mädelschaft« geschildert wird, aber auch zunehmende Angriffe von Jagdbombern auf die Kinzigtal-Bahnlinie und später dann auf das Städtchen Hausach. Es dauert nicht mehr lange, bis die Franzosen einmarschieren. Dabei kommt es auch in Hausach zu »Plünderungen und Vergewaltigungen«, Lieselotte hat »Scheu vor den Marokkanern«, kann jedoch zu einer jungen Französin, deren
Eltern in Hausach stationiert sind, eine Beziehung aufbauen.

Nach dem Krieg kann die junge Frau bei den Ursulinen in Freiburg eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren – und lernt ihren Mann Karlheinz kennen. Klaus Ruch kommt 1952 unehelich zur Welt – dieses Mal ist die Heimfahrt nach Hausach von Lieselottes Sorge überschattet, wie sie diese Mitteilung ihren im konservativen Umfeld lebenden Eltern beibringen könnte… Eine Brezel kann man nicht geradebiegen und einen Menschen, wie Lieselotte, ebenfalls nicht – Klaus Ruch belegt das mit der Schilderung seiner Mutter, die ihrem Weg mit Zuversicht folgte, der sie in Kindheit und Jugend formte.
Ein wahrlich authentisches und empathisch verfasstes Buch, das allerdings ein aufmerksameres Lektorat verdient hätte (Seite 66: Ein Zeilensprung. Seite 25: Ein Wasserschiff steht nicht auf dem Herd, sondern ist in den Herd seitlich eingebaut. Seite 155: Wiener Würstchen hat man im Kinzigtal wohl nicht gesagt, auch ist die Kunst nicht die Bank um den Kachelofen herum, sondern der Kachelofen selbst…).

Hubert Matt-Willmatt

Thomas Adam Joß Fritz – das verborgene Feuer der Revolution –Verlag regionalkultur,
382 Seiten, ISBN 978-3-95505-532-5 29,80 €

Über den um 1470 in Untergrombach bei Bruchsal geborenen Bauernsohn weiß man herzlich wenig, umso verdienstvoller ist es, dass sich Thomas Adam auf langjährige Spurensuche begeben hat, die 2002 zu einer ersten Veröffentlichung zum Thema führte und nun zur Herausgabe der vierten Auflage, die um 22 Seiten umfangreicher als die vorherige dritte Auflage angewachsen ist.

Zuerst untersucht Adam die Situation am Herkunftsort, der zum Hochstift Speyer gehörte, mit der Dreiteilung der Lehensleute, die an die unterschiedliche Verteilung von Grundbesitz gebunden war. In Untergrombach gab es 1740 nur eine Familie Fritz, sodass anzunehmen ist, dass Joß Fritz dieser Familie entstammt. Adam geht auch auf die immer wieder aufflammende Diskussion um den Namen des Bundschuhanführers ein und führt Joß als Vorname auf ›Jodocus‹ zurück, einen damals recht gebräuchlichen Namen. Doch bei der Frage warum und wann im Leben des Bauernsohns eine Radikalisierung erfolgte oder sich ein Schlüsselerlebnis dazu festmachen lässt, kann man auf keinerlei Angaben, am wenigsten von Joß Fritz selbst, zurückgreifen. Schon um 1460 tauchen aufständische Bewegungen unter dem Zeichen des Bundschuhs in Engen am Hegau oder 1493 in Schlettstadt auf. »Frei sein wie ein Schweizer« war Losung und Ziel zugleich. 1502 organisierte »Joß Fritz seinen ersten Bundschuhaufstand«. Über mehrere Monate war er unterwegs und knüpfte Verbindungen zu Gleichgesinnten, die wie ein Geheimbund, eine »Untergrundorganisation« funktionierten. Für den öffentlichen Auftritt, der sich 1502 mit der Bitte um Ermäßigung der Abgaben bot, sollte auch eine symbolhaltige Fahne angefertigt werden, mit dem aufgemalten Leitspruch ›Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes‹. Auf einer Schafweide bei Untergrombach trafen sich an Ostern 1502 40 entschlossene Anhänger, jedoch war ihr Vorhaben verraten worden – rund 100 Mitglieder des Bundschuhs wurden gehängt, enthauptet, ihnen wurden die Augen ausgestochen und Finger abgehackt. Joß Fritz konnte entkommen und sich fast zehn Jahre, und ohne ein offizielles Lebenszeichen zu hinterlassen, verstecken. In dieser Zeit verheiratet er sich mit Else Schmid aus Nenzingen bei Stockach, was nicht allzu weit von der Schweizer Grenze entfernt liegt und vielleicht einen Hinweis auf einen möglichen Aufenthaltsort geben mag. Beide gelangen um 1510 in den Breisgau. Dort setzen sie ihre Werbemaßnahmen für die Sache des Bundschuhs erfolgreich fort. Auf der Hartmatte, nördlich von Betzenhausen und Lehen gelegen, trafen sich um den 23. September 1513 einige Gleichgesinnte unter der neu angefertigten Bundschuhfahne, die eine Organisationsform beschlossen und einen Ort vereinbarten, an dem sie loszuschlagen gedachten. Als Ort der ersten Revolte hatte man den Kirchweihtag in Biengen ausgesucht. Jedoch wird auch dieser Versuch verraten – die Teilnehmer wiederum hart bestraft. Joß Fritz kann wiederum entkommen und trifft in Seewen, südlich von Basel ein, wo er sich im Oktober mit den wenigen verbliebenen Getreuen von Lehen nochmals trifft.
Ab diesem Zeitpunkt taucht der umtriebige Joß Fritz an unterschiedlichen Orten auf, überall entlang des Hochrheins flackern kleinere Aufstände auf, die im weit verzweigten und geographisch ausgedehnten Bundschuh-Netzwerk des Jahres 1517 gipfeln, das »die Historiker immer wieder vor ein Rätsel gestellt hat«, wie Adam meint. 1524 waren es die Bauern in Süddeutschland »vom Hegau über den Schwarzwald bis zum Breisgau, vom Bodenseeraum bis ins Allgäu«, die an das Vermächtnis von Joß Fritz anknüpften und ihre ›Artikel‹ aufstellten, deren Forderungen 1525 in den Auseinandersetzungen des Bauernkriegs mündeten. In Stühlingen soll Joß Fritz zum letzten Mal bei einem Bauernhaufen gesehen worden sein, doch sein dortiges Erscheinen kann realitätsgetreuer Überlieferung, aber auch hoffnungsfroher Projektion geschuldet sein.
So wie der Lebensanfang des Joß liegt auch sein Ende im Dunkeln. Dieser Umstand, vor allem aber sein unstetes revolutionäres Leben haben bis in die neuere Zeit Auswirkungen in der Literatur, Musik und darstellenden Kunst gezeitigt. Adams ausführliche Rezeptionsgeschichte zeigt die Verwendung der Bundschuhbewegung mit Joß Fritz in der NS-Zeit sowie in der DDR und BRD, dort gerade 1975 bei Anti AKW-Demonstrationen in Wyhl, die sich zudem im Jahr der 450. Wiederkehr des Bauernkriegs ereigneten. Lohnend wäre in diesem Zusammenhang sicherlich eine Untersuchung der Frage, inwieweit historische Symbole (Bundschuhfahne, Heckerhut…) im Laufe der Zeit eine Veränderung ihres ursprünglichen Sinngehalts erfahren.
Unerwähnt bleibt leider die beeindruckende Arbeit, die der ehemalige Stühlinger Rektor Elmar Zimmermann mit seinen beeindruckenden Bildern und Schriften zum Bauernkrieg angefertigt hat und die lesenswerte Abhandlung des Dadaisten Hugo Ball.
Zur praktischen Ergänzung der Lektüre empfiehlt sich in Freiburg-Lehen der Besuch des 3,4 km langen Bundschuhpfades mit 14 informativen Schautafeln und der Bundschuh-Eiche des Holzbildhauers Thomas Rees.

Hubert Matt-Willmatt

Frank J. Ebner, 20 Historische Gasthäuser – Badens gute Stuben, Badischer Landwirtschafts-Verlag, Freiburg, 92 Seiten, ISBN 978-3-9822988-5-6, 14,50 €.

Im Verein Badische Heimat hatten in der Vergangenheit die „historischen“ Gaststätten als Zeugnisse lokaler Kultur eine besondere Aufmerksamkeit inne. Man denke nur an den Stubenvater Emil Baader, der in ihnen landauf, landab „Heimatstuben“ einrichtete, die herausragenden Persönlichkeiten gewidmet waren. Gasthäuser waren oft jahrhundertelang in Familienbesitz, hatten im Dorf als Ort für Versammlungen und Familienfeiern von Hochzeiten bis zu Beerdigungen einen festen Platz, so wie sie meist auch augenfällig neben der Kirche und dem Rathaus zu verorten sind. Die Dorfgasthäuser erleben in den letzten Jahren ein stilles Sterben – die Heimatstuben wurden, selbst bei Fortbestand, aber Besitzerwechsel, „aufgelöst“. Ein Stück badischer Geschichte geht mit ihnen unwiederbringlich verloren.

Frank J. Ebners Eigeninitiative ist es zu verdanken, dass diesem Artensterben und dem Verlust eines Kulturgutes eine Veröffentlichung entgegengesetzt wird, die zum einen Gäste ermuntert ihren Bestand durch einen Besuch zu unterstützen und auch ein Zeichen der Solidarität für die Gastwirtsfamilien ist.

In zeitgemäßer Form eines Bookazines stellt der Autor 20 historische Gasthäuser vor, die sich vom „Rebstock“ in Laufenburg und dem „Anker“ in Konstanz quer durch Baden bis „Zum Falken“ nach Neudenau erstrecken.

Schon vor über 20 Jahren hatte sich Frank J. Ebner dem Thema angenommen („Historische Dorfgasthäuser und ländliche Kultur“, Schillinger Verlag, Freiburg). Parallel rief er 2006 die Homepage https://www.historische-gasthaeuser.de/ ins Leben, auf der mehr als 60 historische Gasthäuser und Weingüter aufgeführt sind.

Ebner ging es in zwei weitern Buchveröffentlichungen darum, sich in einer Art Zeitreise auf den Weg zu und in die Gasthäuser zu machen – kulinarische Kriterien spielen keine Rolle, die Gastwirtsfamilie und das Gasthaus, und damit die Orts- und Regionalgeschichte, stehen im Mittelpunkt. Betrachtungskriterium ist eine Bausubstanz, die den Ursprung noch erkennen lässt und die nicht mit modischem Unrat verziert wurde. Das Buch stellt historische und aktuelle Aufnahmen gegeneinander und zeigt baulich gewachsene und behutsame Veränderungen. Besitzerfamilien eines Dorfgasthauses sind authentische Menschen, oft sogar Originale, mit einer eigenen Geschichte, die mit ihrem ‚guten‘ Namen seit Generationen für das Produkt auf und um den Teller einstehen und den Gast teilhaben lassen – und in ihre Familie mit ihrer natürlichen Gastfreundschaft mit einbeziehen. Und den Gast teilhaben lassen vor allem an der „bleischweren Dichte der Zeitlosigkeit“, die ein Dorfgasthaus umgibt.

Der Endsechziger Frank J. Ebner hat nach gut 25 Jahren ehrenamtlichem Engagement das Gasthaus-Projekt in andere Hände abgegeben und sich aus der praktischen Arbeit zurückgezogen. Seine Aktivitäten fanden bei Organisationen aller Art keine Unterstützung – sodass es nun an jeder und jedem liegt, die Historischen Gasthäuser in Baden durch eine Einkehr am Leben zu erhalten. Dafür gibt die Veröffentlichung wertvolle Hinweise.

 

Hubert Matt-Willmatt

Harald Stockert: Napoleons Zweitfamilie in Mannheim,

Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher, 2023, 132 Seiten

ISBN 978-3-95505-412-0, € 19,90.

 

Mit „Napoleons Zweitfamilie in Mannheim“ legt das Mannheimer Marchivum in der Schriftenreihe Marchivum 11 ein sehr lesenswertes und reich illustriertes Werk -in einem anschaulichen Stil geschrieben- vor, das nicht Napoleon und seine Politik, sondern das Private der Napoleoniden herausstellt, was für die damalige internationale Presse von großem Interesse war. Das Buch gliedert sich mit Vorwort und Anhang in 16 Kapitel. Das im verlag regionalkultur vom Leiter des Marchivums, Dr. Harald Stockert, vorgelegte Buch beschreibt die Ankunft eines Reisenden nach Mannheim, von wo er direkt zu einem Schlösschen nach Seckenheim, heute Mannheim-Seckenheim, weiterfährt. Es handelt sich um den illegitimen Sohn Napoleons, Leon, der seine Mutter Gräfin Eleonore von Luxburg, die ehemalige Geliebte Napoleons, besucht.

 

Neben diesen beiden Personen wird in dem Buch die Stieftochter Napoleons, Stephanie de Beauharnais, und der Ehemann der Eleonore von Luxburg, Karl August von Luxburg, herausgestellt. Stephanie de Beauharnais war die Ehefrau des Erbprinzen Karl von Baden. Diese vier Personen wohnten in Mannheim/Seckenheim bzw. lebten einige Zeit hier. Die Eheleute von Luxburg wohnten im Schloss Seckenheim, später auch in der Innenstadt Mannheims, Stephanie Beauharnais lebte nach dem Tod ihres Mannes im kurfürstlichen Schloss und Leon besuchte öfter seine Mutter in Seckenheim.

 

Die beiden Frauen, Eleonore und Stephanie, hatten beide 1806 ein herausragendes Erlebnis. Stephanie heiratete am 8.April 1806 den Erbprinzen von Baden, um Baden enger an Frankreich zu binden, Eleonore lernte im Januar 1806 den Kaiser von Frankreich kennen. Aus der Beziehung zu Napoleon entwickelte sich eine Liebesaffäre, und am 13. Dezember 1806 brachte Eleonore ihren Sohn Leon zur Welt, der Napoleon wie aus dem Gesicht geschnitten aussah. Eleonore und Stephanie kannten sich vom Internat der Henriette Campan, der früheren Kammerzofe Marie-Antoinettes, der Ehefrau Ludwig XVI. Beide Frauen waren befreundet. Nach der Affäre Eleonores mit Napoleon war die Beziehung Stephanies und die der Familien Bonapartes und Beauharnais zu Eleonore zerbrochen. Auch Napoleon sah Eleonore nie wieder. Er unterstützte sie aber über Mittelsmänner. Die erste Ehe Eleonores war gleich zu Anfang zerbrochen und die zweite Ehe „mit einem Militär aus dem Departement Charentes“ endete im Russlandfeldzug Napoleons. Der Ehemann blieb verschollen.

 

Sohn Leon wurde Eleonore kurz nach der Geburt auf Veranlassung Napoleons wegen Überforderung weggenommen und einer Tagesmutter übergeben. Eleonore sah ihren Sohn 15 Jahre nicht. Er wurde von einem Subtutor und einem Hauslehrer betreut, und im Hintergrund sorgte sein Vater Napoleon finanziell für ihn. Leon war schon im Jugendalter verschwenderisch, immer auffällig gekleidet und hatte im späteren Leben viele Affären. Er war vor Gericht und sogar im Gefängnis. Einen Aufstieg beim Militär schaffte er nicht, weil es mit seinen Vorgesetzten immer zu Konflikten kam, und so war auch eine politische Karriere nicht möglich.  Aber er zehrte vom Ansehen seines berühmten Vaters.

 

Graf Karl August von Luxburg war seit 1821 Intendant des Nationaltheaters von Mannheim. Er war nicht die Idealbesetzung für dieses Amt gewesen, doch er war mit den Aufführungen von Opern im Nationaltheater erfolgreich. Karl   August   heiratete am 23. Mai 1814 in Seckenheim Eleonore, wo seine Eltern wohnten. Durch die Heirat mit Karl August war Eleonore in den Adelsstand aufgestiegen. 1814 und 1815 lebten die von Luxburgs meist noch in Paris, ehe sie sich in Seckenheim niederließen, als sie das Seckenheimer Schlösschen erworben hatten. Hier trafen sich die Verwandtschaft der Luxburgs und Freunde und Bekannte von Eleonore und Karl August, und hier empfing Eleonore damals ihren Sohn, wie oben geschildert. Das schlechte Image Eleonores in Mannheim als Geliebte Napoleons wurde aufgebessert, als sie die Gattin des Intendanten des Nationaltheaters wurde und als das Ehepaar Luxburg manchmal als Gast der Großherzoginwitwe in das Mannheimer Schloss eingeladen wurde, obwohl es zwischen Eleonore und Stephanie nach der Affäre mit Napoleon zu einem Bruch ihrer Beziehungen gekommen war. Die Einladung des Ehepaar Luxburgs ins Mannheimer Schloss geschah aber wegen der Position Karl Augusts als Intendant des Nationaltheaters.

 

Im Bewusstsein der heutigen Mannheimer sind Eleonore, Karl August und der Sohn Eleonores bis zum Erscheinen dieses Buches wohl nicht vorhanden gewesen. Die Großherzoginwitwe Stephanie war als sogenannte „Landesmutter“ in Mannheim stets präsent. An sie erinnert heute noch eine Statue am nach ihr benannten Stephanienufer.                                                                                       Konrad Exner

Andreas Weiß, Revoluzzer – Häftling – Wegbereiter. Das Leben des Tiengener Apothekers Daniel Heinrich Saul (1809–1874), 204 Seiten, 25 Abb., Kunstverlag Fink, 2023, ISBN 978-3-95976-410-0, 12,50 €

Andreas Weiß (*1971), der in Waldshut aufgewachsen ist, studierte Geschichte und Volkskunde. Nach seinem Studium betätigte er sich am Museum Ritterhaus in Offenburg, beim Kulturamt der Stadt Waldshut-Tiengen, beim Stadtarchiv Rheinfelden / Baden, bei der LEADER-Aktionsgruppe Südschwarzwald, beim Kreismuseums Wewelsburg (Kreis Paderborn) und war bis 2023 drei Jahre lang Leiter des Freilichtmuseums Neuhausen ob Eck. Er verfasste zahlreiche Artikel zur Geschichte des Hochrheins, zu deutsch-schweizerischen Kooperation und beteiligte sich an der dreibändigen Geschichte des Stadt Waldshut.

Schon seit seiner Magisterarbeit (1998) beschäftigte er sich immer wieder mit dem Verlauf der badischen Revolution am Hochrhein. Dabei fiel ihm die Beteiligung des Tiengener Apothekers Daniel Heinrich Saul ((1809 – 1874) auf. Weiß stellt in der Einführung zu seinem Buch klar, dass „Saul keine Berühmtheit der Revolution (ist)“. Saul hatte auch keinerlei eigene Aufzeichnungen hinterlassen. Akribisch begann Weiß mit seiner Spurensuche. Im Offenburger Stadtarchiv stieß er überraschend auf das „Erinnerungsalbum“ von Lina Venator, der Enkelin Sauls, das ihm zu einer wichtigen Quelle wurde.

Wer wie der Rezensent einige Biographien veröffentlichte, weiß um die detektivische Kleinarbeit, aber auch die große Freude, wenn sich aus Puzzeln eines Lebens, allmählich das Bild einer Persönlichkeit herauskristallisiert. Mit dieser spürbaren Freude am Entdecken hebt Weiß den bis dato unbekannten Schatz um das Leben Sauls, wenngleich einige Leerstellen und weiße Flecken in seiner Biographie bleiben (müssen). 562 Anmerkungen legen beredtes Zeugnis seiner Arbeit ab, wenngleich sie etwas klein gedruckt wurden. Ein ausführliches Quellenverzeichnis, ein Namens- und Ortsregister, sowie Kartenmaterial und Fotos ergänzen das Buch mit wichtigen Verweisen.

Wie gelangt der bürgerlich wohl situierte Apotheker in die Revolutionswirren – warum hat er sich ab einem bestimmten Moment radikalisiert? Diesen Fragen geht Weiß akribisch und nach dem ausführlichen Studium von Archivmaterial nach. Saul beteiligt sich am Zug einer, vor allem von Waldshuter Revolutionären im Juni 1849 angeführten Exekutionsmannschaft ins nahe gelegene Oberalpfen, das sich nicht nur der angeordneten Volksbewaffnung verweigerte, „sondern auch der alten großherzoglichen Regierung treu bleiben wollte“. Die geplante Strafaktion endete wie das Hornberger Schießen mit dem ergebnislosen Abzug der Truppen nach zwei Tagen. Saul agierte bei der Aktion mäßigend, doch alleine seine Teilnahme an dieser ungesetzlichen Maßnahme sollte für ihn gravierende Folgen haben. Angeführt wurde die Truppe vom 27-jährigen Geometer Ferdinand Herzog, einem verwandten Vorfahren des Rezensenten. Im Familienarchiv wird eine Handschrift bewahrt, die u.a. revolutionäre Liedtexte von 1848 enthält. Das Wirken des Zivilkommissärs Herzog findet sich bei Weiß gut dokumentiert. Über die gerichtlichen Untersuchungen gegen die Waldshuter Revolutionäre von 1849 schrieb bereits ausführlich Gisela Tröndle (1955).

(Nur) in den Archiven schlummerten auch die Verhörprotokolle des Tiengeners Saul sowie die Prozessunterlagen zu seiner Verurteilung zu einer zweijährigen Festungshaft. In Tiengen blieb die Wahl Heckers in die Paulskirche folgenlos, durch das Städtchen zogen die Freischaren von Weißhaar und Sigel, retteten sich die Revolutionäre 1849 danach bei Jestetten in die Schweiz. Lange Besatzungszeiten folgten.

Oft enden Biographien von Revolutionären mit dem Ende der Revolution – doch Weiß geht beharrlich dem weiteren Leben Sauls nach. Saul engagiert sich im Gemeinderat, wird u.a. „Wegbereiter“ der Tiengener Wasserversorgung und gehört zu den Initiatoren der Freiwilligen Feuerwehr.

Ein sehr lesenswertes und spannend zu lesendes Buch, das einen Innenblick in das Leben eines „bürgerlichen Revolutionärs“ gewährt, dessen Lebens-Entwicklung für etliche Biographien in jener Zeit symptomatisch gewesen sein dürfte.

Seit letztem Jahr ist Weiß Leiter des Markgräfler Museums in Müllheim und trat dort die Nachfolge von Jan Merk an, der Leiter des Dreiländermuseums in Lörrach wurde. An seinem neuen Wirkungsort trifft Andreas Weiß im Blankenhorn-Palais am historischen Marktplatz wieder auf einen Schauplatz der 48-er Revolution – vom Balkon des heutigen Gasthauses Stadthaus ganz in der Nähe des Museums rief am 23. September 1848 Gustav Struve die deutsche Republik aus…

Hubert Matt-Willmatt

Gabriele Hennicke, Echte Schwarzwälder. Geschichten vom Königstiger bis zur Gartengräfin, Rombach Verlag Freiburg 2020, 167 Seiten mit zahlreichen Farbfotos. kartoniert. ISBN 978-3-7930-5193-0. € 18,-

Als Redakteurin der Zeitschrift des Schwarzwaldvereins ist Gabriele Hennicke beruflich mit dem Schwarzwald eng verbunden. Darüber hinaus erkundet sie die menschliche Seite der Gebirgslandschaft, die immer schon besondere Typen oder Originale hervorgebracht hat. „Echte Schwarzwälder“ ist schon ihr zweites Buch mit Portraits lebender Personen mit kreativen und spannenden Lebensentwürfen. Alle 25 werden mit Namen genannt und in Wort und Bild in ihrem Umfeld vorgestellt. Etliche haben auf der Basis familiärer Traditionen kleine innovative Unternehmen gegründet wie der „Käsekuchenkönig“, der seine Karriere auf dem Rappenecker Hof begann; ein anderer reüssierte mit der Schwarzwaldversion einer japanischen Soja-Würze; eine Agrarbiologin widmete sich nach 20 Jahren Dienst in der Entwicklungshilfe dem heimischen Garten in der Ortenau, erweiterte ihn zur Verveine-Plantage und liefert köstlichen Tee. In Wagenstadt hat eine Chemietechnikerin ein Gartenparadies geschaffen, aus dem sie den Herblzheimer Markt und die Kräutermanufaktur des Vereins „Kräuterland Baden-Württemberg“ bedienen kann. Auf dem Belchen traf die Autorin einen Wanderschäfer. Ein Küfer oder Fassmacher und ein Schumacher, der kunstvoll alte Schuhe restauriert, stehen für altes Handwerk; in Grafenhausen arbeitet ein vielgefragter Holzbildhauer, der auch Workshops anbietet; ein Möbelschreiner verzaubert den Balken aus alten Schwarzwaldhöfen in schmucke neue Möbelstücke.

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Schwarzwaldhöfe mit ihren markanten Namen kommen immer wieder vor: Hugenhof und Wunderlehof bei Hinterzarten im Kapitel über Georg Thoma, der Raimartihof, an dem die Biographie einer unehelichen Mutter festgemacht ist, der Fixenhof in Schuttetal, wo sich die Hausherrin als Seifensiederin einen Namen gemacht hat, der Gummenhof am Kandel als Heimat eines erzählfreudigen Motorsägenhändlers. Ausführlich hat sich Gabriele Hennecke auf zwei Bauernhöfen umgesehen: Auf dem Stecklehof im Münstertal werden die im Südschwarzwald heimischen geländegängigen Hinterwälder Rinder gehalten, auf dem Deisenhof bei Titisee die etwas größeren Vorderwälder. Dieses Anwesen ist seit 14 Generationen in der Hand der selben Familie, steht mit 50 Milchkühen, vier Ferienwohnungen und eigenem Wald betrieblich gut da und bewirtschaftet die Flächen von zwei Nachbarn die aufgegeben haben. Für eine Erfolgsgeschichte stehen auch die Initiatoren der Elektrizitätswerke Schönau, die als bürgereigene Genossenschaft Ökostrom anbieten. Die Autorin führt ihre Leser auch in die Wildheit des Waldes am Beispiel eines Wutach-Rangers und eines Försters, der weiß, wo die Rothirsche stehen. Die Gartengräfin aus dem Buchtitel ist die Tochter der Iris-Züchterin Gräfin Zeppelin in Laufen, der Königstiger ist ein Traktor, gefahren von dem Kabarettisten Martin Wangler alias Fidelius Waldvogel. Ganz kam die Autorin nicht am Bollenhut vorbei. Ihre Geschichten klingen echt, lesen sich flott und sind gut recherchiert.

 

Renate Liessem-Breinlinger

Stephan Elsemann: Gaumenschmaus und Rachenputzer – Liebenswerte Kneipen, Cafés und Restaurants in Freiburg & drumherum,
Rombach Verlag, 2023, 144 Seiten,
ISBN 978-3-7930-9993-2,
19,90 €.

»Liebenswerte Kneipen, Cafés und Restaurants in Freiburg & drumherum« hat Stephan Elsemann sein neuestes Werk betitelt. Eine erste Bestandsaufnahme unternahm Elsemann vor acht Jahren – nun, nach Corona, hat sich einiges verändert. 60 Einkehrmöglichkeiten werden nach subjektiver Auswahl des Autors vorgestellt. Etliche liebenswerte Restaurants, Kneipen und Cafés gibt es leider nicht mehr – dafür
haben 32 neue »Locations« Eingang in den handlichen Band gefunden. Elsemann, der seit 1980 in Freiburg lebt, geht es schon seit Jahren in seinen Artikeln darum, Hinweise auf authentische Gastlichkeit zu geben oder auch, wie in seinem schon 2011 erschienen Buch
»Warenwelt – Entdeckungen in Freiburger Geschäften«, auf besondere Angebote handwerklicher Fertigkeiten aufmerksam zu machen.
Badische Gastlichkeit kann man in leider immer weniger werdenden traditionellen Familienbetrieben genießen – Neugründungen mit Namen wie Anuras Elefant, Mohrentopf, Terragusto, Café Goldener Affe oder auch die Sonderbar erweitern das gastronomische Angebot, gerade auch in einer Studentenstadt wie Freiburg.