Klaus Ruch: Vom Versuch eine Brezel gerade zu biegen. Eine Kindheit und Jugend im Schwarzwald.
Klaus Ruch Vom Versuch eine Brezel gerade zu biegen. Eine Kindheit und Jugend im Schwarzwald, Gmeiner Verlag, 284 Seiten, ISBN 978-3-7801-2514-9, 20 €.
Klaus Ruch hat ein Porträt seiner 1930 geborenen Mutter Lieselotte verfasst. Lieselotte Kittler kam als Tochter des »Kittlerbecks« in Hausach im Kinzigtal zur Welt. Da sie ein »Vaterkind« ist, wird das Schicksal ihrer Mutter nur gestreift, sie war eine Magd, die der Vater heiratete, und bleib es auch während der Ehe. Auch wenn im Vorspann des Buches irritierend vermerkt ist, dass »Personen und Handlungen« frei erfunden wären, handelt es sich dennoch um eine Schilderung, in der nur ein NS-Parteigenosse und der Postbeamte mit Initialen genannt wird. Alle an deren Personen tragen ihren wahren Namen, so auch später der jähzornige Prälat Föhr, der Lieselotte in
Freiburg mehr als unliebsam auffällt.
Das Buch ist chronologisch aufgebaut und in 27 Kapiteln unterteilt, wobei ein Inhaltsverzeichnis fehlt. Diese Kapitel werden unter knappen Überschriften, wie »Das Haus«, »Pauline«, »Dorfleben« abgehandelt und mit Details aus dem kleinstädtischen Leben in Hausach versehen. Gesehen und gefiltert werden die Erlebnisse im Leben Lieselottes sind zwar individuell, aber lassen sich ebenfalls als exemplarische Episoden jener in den 1930er Jahren lesen. Die heile Kindheit bekommt bald Risse, in der die Auswirkungen der NS-Diktatur nach und nach spürbar werden. Bestimmte Gruppen wie die fahrenden Zirkusleute, (›Zigiener‹), die im Städtchen exotisches Flair auslösen oder Behinderte, die durch das Euthanasie-Programm T 4 abtransportiert und ermordet werden, fehlen im Stadtbild. Lieselotte wächst nach
ihrer Kommunionfeier in die Rolle einer familiären Hilfskraft, muss sogar bei säumigen Schuldnern der Bäckerei das Geld eintreiben, »die Kindheit erfährt einen Bruch.« »Der Krieg kommt näher« lautet eine Überschrift, in der Lieselottes Engagement im Bund deutscher Mädchen, in der »Mädelschaft« geschildert wird, aber auch zunehmende Angriffe von Jagdbombern auf die Kinzigtal-Bahnlinie und später dann auf das Städtchen Hausach. Es dauert nicht mehr lange, bis die Franzosen einmarschieren. Dabei kommt es auch in Hausach zu »Plünderungen und Vergewaltigungen«, Lieselotte hat »Scheu vor den Marokkanern«, kann jedoch zu einer jungen Französin, deren
Eltern in Hausach stationiert sind, eine Beziehung aufbauen.
Nach dem Krieg kann die junge Frau bei den Ursulinen in Freiburg eine Ausbildung zur Krankenschwester absolvieren – und lernt ihren Mann Karlheinz kennen. Klaus Ruch kommt 1952 unehelich zur Welt – dieses Mal ist die Heimfahrt nach Hausach von Lieselottes Sorge überschattet, wie sie diese Mitteilung ihren im konservativen Umfeld lebenden Eltern beibringen könnte… Eine Brezel kann man nicht geradebiegen und einen Menschen, wie Lieselotte, ebenfalls nicht – Klaus Ruch belegt das mit der Schilderung seiner Mutter, die ihrem Weg mit Zuversicht folgte, der sie in Kindheit und Jugend formte.
Ein wahrlich authentisches und empathisch verfasstes Buch, das allerdings ein aufmerksameres Lektorat verdient hätte (Seite 66: Ein Zeilensprung. Seite 25: Ein Wasserschiff steht nicht auf dem Herd, sondern ist in den Herd seitlich eingebaut. Seite 155: Wiener Würstchen hat man im Kinzigtal wohl nicht gesagt, auch ist die Kunst nicht die Bank um den Kachelofen herum, sondern der Kachelofen selbst…).
Hubert Matt-Willmatt

